Das Gamescom-Paradoxon | Reportage

Das Gamescom-Paradoxon

-Wie ein Videospiel-Drittland zur größten Spielemesse der Welt kam-



Deutschland ist Entwicklungsland, wenn es um die Digitalisierung und die Entwicklung, Publizierung und Förderung von Videospielen geht. Dabei sind Videospiele auch hierzulande ein Milliardenmarkt. Der gesamte Markt für Spiele und die entsprechende Hardware erzielt in Deutschland fast den dreifachen Umsatz von Kinofilmen und Musik zusammen.


Die Deutschen gaben im vergangenen Jahr 6,2 Milliarden Euro für alles aus, was mit Videospielen zu tun hat – für Musik-Streaming und -Käufe hingegen nur 1,6 Milliarden. Deutsche Kinos kamen sogar nur auf eine Milliarde Euro Umsatz. Der Markt für Videospiele ist also da. Nur warum gibt es so wenige erfolgreiche Entwicklerstudios aus Deutschland? Und warum verirrte sich dennoch die größte Spielemesse der Welt hierher?


Deutsche Computerspielbranche ruft nach staatlicher Hilfe

Neuland: Deutsche Entwicklerstudios spielen international, als auch national nur eine Nebenrolle. Die deutsche Szene fordert deswegen mehr Unterstützung durch die Politik. (Quelle: FAZ)



Der Marktanteil deutscher Spieleentwicklungen auf ihrem Heimatmarkt stieg im vergangenen Jahr geringfügig, liegt aber weiterhin unter 5 Prozent. Von insgesamt 3,4 Milliarden Euro Umsatz mit Spiele-Entwicklungen, die in Deutschland erzielt werden, entfielen gerade einmal 168 Millionen Euro auf deutsche Entwickler. Und selbst davon fließt nicht alles in die Kassen deutscher Unternehmen: Als einen der größten Erfolge des vergangenen Jahre gilt das Strategiespiel Anno 1800, das in Mainz entwickelt und ein globaler Bestseller wurde.


Das einzige Problem: Das Studio in Mainz gehört zum französischen Ubisoft-Konzern, dem größten Videospielunternehmen Europas. Die Franzosen haben das traditionsreiche, unter dem Namen „Blue Byte“ gegründete Entwicklerstudio vor einigen Jahren aufgekauft. Blue Byte entwickelte in den neunziger Jahren auch das Strategiespiel „Die Siedler“, dass das Aufbau-Genre für alle Zeiten verändern sollte.


Datei:BlueByte LOGO final.png – Wikipedia

Hier haben die Franzosen das Sagen: Ubisoft ist der Mutterkonzern von BlueByte, eines der erfolgreichsten Entwicklerstudios Deutschlands. (Quelle: Wiki)



Die deutsche Entwicklerszene fordert vor allem staatliche Fördergelder, um die hiesige Videospielindustrie zu stützen. Andere Länder wie Frankreich, Großbritannien und Kanada sind bei der Föderung von Videospielen bereits deutlich weiter als Deutschland. Die deutsche Politik zeigte sich in den letzten Jahren zwar oberflächlich gönnerhaft, wirklich geholfen hat das allerdings nicht. Einziges wirkliches deutsches Aushängeschild des Videospielstandorts Deutschland, bleibt neben einer großen Nachfrage nach digitalen Entertainment-Produkten die Videospielmesse Gamescom.

Die Gamescom (Eigenschreibweise gamescom) in Köln ist, gemessen nach Ausstellungsfläche und Besucheranzahl, die weltweit größte Messe für Computer- und Videospiele. Zahlreiche Hersteller aus aller Welt präsentieren hier ihre neue Soft- und Hardware. Aufgrund der Corona-Pandemie findet die Messe seit 2020 nur in digitaler Form im Internet statt.Träger ist seit 2018 der game – Verband der deutschen Games-Branche, zuvor der Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU). Bis 2008 hatte der BIU die Games Convention in Leipzig mit ausgerichtet und dann den Wechsel nach Köln beschlossen. Die Messe besteht in normalen Zeiten aus einem öffentlichen Bereich für das allgemeine Publikum (Entertainment Area) und einem geschlossenen Teil für Fachbesucher wie Händler und Entwickler (Business Area).


Gamescom 2021 startet bald: Alle Termine, Aussteller und Spiele im  Überblick | CHIP Level Up
Das Gamescom-Logo dürfte jedem Communitymitglied gut bekannt sein. In einigen Jahren fanden sogar Communitytreffen auf der Messe statt (Quelle: Wikimedia)



Bei der ersten Gamescom im Jahr 2009 kamen bereits mehr als 245.000 Besucher zur Messe. Bis ins Jahr 2019 steigerte sich diese Zahl auf über 373.000 Besucher. Trotz verschiedenster negativer Berichte seitens von Medien wie RTL oder BILD, die die Messe als ein Sammelbecken für "Nerds" abtun wollten, hielt sich die Gamescom erfolgreich. Darin liegt wohl letztendlich auch der entscheidende Faktor, der dazu beitrug, dass die Gamescom zur größten Spielemesse der Welt wurde: Fantreue. Und das, obwohl man sich in Deutschland befand, einem Land, in dem Videospiele und ins Besondere Shooter jahrelang unter Beschuss fanden.


Crytek, das vor einigen Jahren der bekannteste deutsche Entwickler war und mit seiner Crysis-Reihe begeisterte, stand beispielsweise über Jahre hinweg in der Kritik. Die "Killerspiel"-Debatte schadete dem Image des Unternehmens. Mit ähnlichen Widrigkeiten hatten auch andere Entwickler zu kämpfen. Je mehr Aussteller und Besucher auf die Gamescom kamen, desto unbestreitbarer wurde aber auch öffentlich die Bedeutung von Videospielen als Kultur- und Entertainmentgütern. Auf einmal änderte sich die Wahrnehmung der ganzen Branche in der Öffentlichkeit.


Killerspiele-Dokumentation - ZDF: »Killerspiele! Der Streit eskaliert«

Boulevard- Schlagzeilen wie diese schadeten jahrelang der deutschen Videospiel-Branche. Erst mit der Zeit wandelte sich die Sicht der Öffentlichkeit auf dieses Thema. (Quelle: BILD-Zeitung)



Die Politik öffnete sich auf einmal gegenüber der Gamescom, kreuzte dort auf. Aussteller, die nicht direkt etwas mit Games zu tun haben kamen auf die Messe. Das mögen aus Sicht von uns Videospiele-Liebhabern auch negative Entwicklungen sein, weil die ganze Geschichte ziemlich Mainstream wurde. Letztlich hat dies aber auch dazu geführt, dass sich die Messe hielt, die Branche angesehener wurde und Videospiele heute als etwas Besseres empfunden werden, als noch vor 10 Jahren.


Dies mag nicht erklären, wieso die Gamescom jetzt eigentlich genau die größte Videospielmesse der Welt ist, doch es erklärt, warum die Messe erfolgreich war und ist. Gleichzeitig zeigen diese Beobachtungen auch den Wandel in einer Gesellschaft, die vor einigen Jahren Videospiele als reine Zeitverschwendung und potentielle Gefahr bewertete. Vielleicht ist es ja gerade dieser doch radikale Wandel, der die Gamescom so groß werden ließ.


Die Gamescom wird vielleicht nur digital › Digitalistan

Eine Entwicklung zum Massenphänomen liegt hinter der gesamten Videospielbranche. Deutschland zog erst spät mit, doch zumindest nicht zu spät. Auch so konnte die Gamescom so groß werden, wie sie heute ist. (Quelle: WDR)



Letztlich bleibt nur zu hoffen, dass der Videospielstandort Deutschland von diesem Paradoxon profitiert. Es wäre wirklich wünschenswert, wenn auch aus diesem Land wieder mehr großartige Titel wie die Anno-Reihe, Crysis, Siedler und die vielen kleinen Indie-Spiele deutscher Entwickler richtig bekannt und erfolgreich werden. Die ersten Schritte hierfür sind getan. Bleibt abzuwarten, was die Zukunft bringt.




Über den Verfasser:

13600-16e3e11942a67266560f079907b827b4a110e917.jpgFlo aka Stack (18) ist Student,
Spiele-Enthusiast, sowie Lokaljournalist.

Seit dem 16. Februar 2019 ist er

Mitglied der EGM-Community.

Kommentare 4

  • So Amoklaufausschnitte gerade mit der Quelle von der Bild-Zeitung find ich gaaaaanz schwierig hier im Forum.

    • Wieso sollte das problematisch sein? Ich wollte mit dem Ausschnitt daran erinnern, wie sich die Wahrnehmung von Videospielen geändert hat. Diskussionen darüber werden wohl kaum entstehen und das Verwenden des Bildes ist nicht rechtswidrig.

    • Ich sage es auch nicht, dass es rechtswidrig ist. Das Layout von dem Artikel wird dadurch halt extrem zurückgeworfen, es passt einfach vom Inhalt nicht wirklich rein. So ein riesiges Bild für einen Satz der zusammenfassend sagt: "Ist nicht so" halte ich für unnötige Textfüllerei.


      Gerade die Bild-Zeitung als Quelle ist finde ich auch eher besorgniseregend - aber das ist so ein persönliches Ding.

    • Die BILD als Quelle ist doch nur als Negativ-Beispiel drin. Ich arbeite seit mehr als 2 1/2 Jahren als Freier Journalist. So wie ich diesen Text geschrieben habe, ist es fachlich absolut richtig, wie man das ganze aufbaut. Ich selbst distanziere mich von der BILD in jeder Hinsicht. Ist ein Schmutzblatt und genau das wird ja auch gezeigt.


      Auch kann ich dir im Punkt mit dem "Ist nicht so" nicht zustimmen. Der Text soll eine Entwicklung aufzeigen, da ist das negative Bild von Videospielen essentiell um die Veränderung der öffentlichen Wahrnehmung zu Games zu beleuchten. Damit wird nichts gestreckt. Es unterstreicht einfach das Paradoxon, dass die größte Spielemesse der Welt in einem Land stattfindet, das vor 10 Jahren noch darüber diskutierte Shooter zu verbieten.


      Nichts destotrotz nehme ich mir deine Kritik zu Herzen. Ich bin mir nur nicht sicher, wie ich die bis dato einordnen soll. Der Artikel war ein weiteres Experiment meiner Seits um neue Textsorten und Themenbereiche auszuprobieren. So soll langfristig mehr Abwechslung ins Magazin kommen.